Ökostrom statt Atomenergie Schild mit Atomkraftwerk im Hintergrund

Kernenergie & Atomausstieg in Deutschland – aktueller Stand 2015

Wir befinden uns im Sommer 2015. Knappe vier Jahre sind seit dem letzten Castor Transport durch Deutschland im November 2011 vergangen. Auch die Nuklearkatastrophe von Fukushima ist bereits über vier Jahre her.

 

Zur Erinnerung

Unmittelbar nach dem Beginn der katastrophalen Ereignisse in Fukushima (Japan) wurde in dem Kabinett Merkel II am 14. März 2011 beschlossen in der Energiepolitik den nächsten Schritt vorwärts zu gehen und in unmittelbarer Zukunft einen weiteren deutlichen Wechsel der Atom- und Energiepolitik umzusetzen. Knapp drei Monate später am 06. Juni 2011 wurde im besagten Kabinett der stufenweise Ausstieg Deutschlands aus der Atomenergie bis zum Jahr 2022 und damit verbunden ein sofortiges Aus für 8 der bis dato 17 aktiven Kernkraftwerke auf deutschem Boden. Das entsprechende 13. Gesetz zur Änderung des Atomgesetzes wurde mit großer Mehrheit und ohne weitere Problem durchgesetzt und trat am 06. August 2011 in Kraft.

Heute, am 19. Juni 2015 sind offiziell noch neu deutsche Kernreaktoren aktiv, welche allesamt gestaffelt bis 2022 abgeschaltet werden sollen. Angefangen mit dem Kernkraftwerk Grafenrheinfeld (Eigentümer: E.ON / In Betrieb seit 1981) noch in diesem Jahr (dazu später mehr), gefolgt vom Kernkraftwerk Gundremmingen B (Eigentümer: RWE + E.ON / In Betrieb seit 1984) im Jahr 2017, dem Kernkraftwerk Philippsburg 2 (Eigentümer: EnBW / In Betrieb seit 1984) im Jahr 2019, den Kernkraftwerken Grohnde (Eigentümer: E.ON + Stadtwerke Bielefeld / In Betrieb seit 1985), Brokdorf (Eigentümer: E.ON + Vattenfall / In Betrieb seit 1986) und Gundremmingen C (Eigentümer: RWE + E.ON / In Betrieb seit 1984) im Jahr 2021 und letztendlich im Jahr 2022 als letztes die Kernkraftwerke Isar 2 (Eigentümer: E.ON + Stadtwerke München / In Betrieb seit 1988), Neckarwestheim 2 (Eigentümer: EnBW / In Betrieb seit 1989) und Emsland (Eigentümer: RWE + E.ON / In Betrieb seit 1988).

 

Der Weg bis 2022 – Abschaltung Nr. 1: Grafenrheinfeld

Kernkraftwerk Grafenrheinfeld - 2013

Die Laufzeit des Kernkraftwerks Grafenrheinfeld in der Nähe von Schweinfurt in Bayern ist auf Ende 2015 begrenzt. Eigentümer und Betreiber E.ON hatte die Abschaltung erstmal für Mai 2015 beschlossen, dieses Datum wurde jedoch zuerst Ende April auf den 20. Juni und schließlich Anfang Juni auf den 27. Juni verschoben. Grund für die Verfrühte (Betriebsgenehmigung bis Jahresende) Abschaltung, sowie die Terminverschiebung, ist laut E.ON der anstehende Austausch der Brennelemente des Kraftwerks. Hierauf würden Brennelementesteuern in Höhe von rund 80 Millionen Euro anfallen.

Gerolzhofen01
Einige Aktionsbündnisse sind der Meinung, dass hinter den spontanen und überraschenden Terminverschiebungen ein Zeitspiel seitens E.ON steckt, denn am Bundesverfassungsgericht läuft nämlich noch eine Klage der Atomkonzerne bezüglich des Gesetzes zum Atomausstieg. In diesem Zusammenhang sind auch einige negative Stimmen laut geworden, wie beispielsweise die von Babs Günther vom Schweinfurter Aktionsbündnis gegen Atomkraft, welcher kritisierte, „dass man sich auf […] Aussagen von E.ON nicht verlassen kann“. Ebenso äußerte sich Natascha Kohnen (Energieexpertin und Generalsekretärin der Bayern-SPD) zur Erklärung von E.ON und vermutet die Atomlobbyisten als wahren Grund.

Kommentar der Redaktion: Wir möchten diese negative Stimmen hier nicht unterstützen und stattdessen lieber noch einmal darauf aufmerksam machen, dass die Betriebsgenehmigung für das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld bis ENDE 2015 gilt und die Abschaltung somit voraussichtlich fünf Monate verfrüht stattfindet. Selbstverständlich ist dies wirtschaftlich bedingt und kein Zeichen des guten Willens, doch im Endeffekt zählt hier das Ergebnis.

 

Atommüll: Noch immer keine Lösung

Atomausstieg und Abschaltung der Kernkraftwerke war lange Zeit ein kompliziertes Thema, doch im Vergleich zu der Frage nach Zwischenlagern und Endlagern für den Atommüll hatten wir es bisher nur mit den leichten Aufgaben zu tun. Es gibt noch immer keine vernünftigen Lagerlösungen, niemand will bezahlen und so richtig damit auseinandersetzen will sich auch niemand. Wo liegt das Problem? Nun, die Situation ist eigentlich sehr einfach und sollte anhand einiger Fakten offensichtlich werden.

 

Punkt #1

Atomkraft ist Wirtschaft. Energiekonzerne betreiben Kernkraftwerke aus wirtschaftlichen Interessen. Für die Konzerne ist es daher unumgänglich ein Grundmaß an Sicherheit, Organisation und Planung in Atomkraft-Angelegenheiten zu zeigen, um Staat und Bevölkerung zumindest einigermaßen glücklich zu halten und einen Atomausstieg zu verhindern. Solange es keinen Atomausstieg gibt, beschäftigen sich milliardenschwere Konzerne mit den Protesten und Bedenken von Staat und Volk. Nun ist der Atomausstieg jedoch schon seit Jahren in Planung und demnach sinkt das wirtschaftliche Interesse der Energiekonzerne stetig. Die Mehrheit der Bevölkerung ist sowieso bereits ein Feind der Energiekonzerne und demnach gibt es hier nicht viel mehr zu verlieren. Hinzu kommt, dass die Konzerne sich mehrheitlich betrogen fühlen und in Form von Milliardenklagen auf Kriegsfuß mit der Regierung stehen.

Atommüll Tonne

 

Punkt #2

Die Regierung möchte gewählt werden und wählen tut das Volk. Daher kümmert sich die Regierung um jene Dinge, die das Volk zufrieden stellen, z.B. den Beschluss eines Atomausstiegs. Schreit das Volk jedoch nicht laut genug, dann hat die Regierung bestenfalls ein sekundäres Interesse, auch wenn es sich um wichtige Probleme handelt. Dies ist ein häufiges Missverständnis der Menschen, denn die Regierung handelt nicht IM Interesse des Volks, sondern NACH dem Interesse des Volks, d.h. ein Problem muss erst vom Volk als wichtig genug erachtet werden, bevor die Regierung etwas dagegen tut. Warum? Die Lösung eines Problems, dessen sich niemand bewusst ist, gewinnt auch bei niemandem eine Stimme für die nächste Wahl.
Das Volk hat für den Atomausstieg aufgeschrien, warum nicht auch für die Problematik des Atommülls? Wir erinnern uns, der Atomausstieg wurde erst im Jahr 2000 in Deutschland beschlossen und damals nicht einmal mit konkreter Planung. Das war ganze 14 Jahre nach dem Super-Gau von Tschernobyl innerhalb Europas. Die Risiken waren damals wie heute bekannt und unsere Politiker waren nicht weniger intelligent, aber die Medien der heutigen Zeit haben gefehlt und die allgemeine Bevölkerung sich der Gefahren daher nicht ausreichend bewusst. Der Atomausstieg-Plan von heute wurde unmittelbar nach dem nächsten Super-Gau beschlossen, obwohl Bundeskanzlerin Angela Merkel zuvor ausdrücklich eine Laufzeitverlängerung für deutsche Atomkraftwerke favorisiert hatte – buchstäblich eine 180-Grad-Wende.
Zurück zum Atommüll, wie viele Katastrophen durch Atommüll gab es? Wie viele Menschen sind unmittelbar durch Atommüll gestorben? Atommüll ist ein Thema, jeder weiß, dass es ein Problem ist, aber die allgemeine Bevölkerung schreit nicht auf, weil, wie schon so oft in der Geschichte, erst eine Katastrophe passieren muss, bevor die Menschen aktiv werden.

 

Punkt #3

Bürokratie. Solange das Haus nicht brennt, läuft in Deutschland alles im Schneckentempo. Beispiel? Es gibt bereits seit 2013 eine Expertenkommission, welche Kriterien für Endlager ausarbeiten soll. Aufgrund von diverser Uneinigkeiten unter anderem darüber wer den Vorsitz übernehmen solle fand die erste Sitzung dieser Atommüll-Kommission jedoch erst Ende Mai 2014 statt und die ersten konstruktiven Arbeitsprogramme begannen erst Monate später.

Es wird deutlich, dass sich an der Spitze niemand in der Verantwortung fühlt und die Relevanz des Atommüll-Problems einfach unterschätzt wird.

 

Welche Probleme liegen vor uns?

Zum einen das offensichtliche Problem des hochradioaktiven Atommülls, der irgendwo gelagert werden muss und solange es dieses Endlager nicht gibt, muss er irgendwo zwischengelagert werden. Ein weiteres weniger bekanntes Problem ist der schwach- und mittelradioaktive Müll, welcher in großen Mengen vorhanden ist und stetig wächst. Beide vorangegangenen Probleme kosten Geld und zwar viel, wodurch wir das nächste Problem haben: Wer bezahlt für den Atommüll?
Doch damit nicht genug, denn hieraus ergibt sich ein drittes und langfristig genauso gefährliches Problem. Der Müll muss unter höchsten Sicherheitsbedingungen verpackt, transportiert und gelagert werden. Auch die stillgelegten Kernkraftwerke müssen von entsprechend fachkundigem Personal abgebaut werden. Heute ist das kein Problem, denn das Personal mit den entsprechenden Fachkenntnissen ist vorhanden, doch diese Arbeiten werden vermutlich noch bis ins neue Jahrhundert hineinreichen und irgendwann wird der Nachwuchs fehlen. Wer beginnt schon einen aussterbenden Beruf?
Einen letzten Punkt gibt es noch. Seit 2013 ist die Kernenergie weltweit wieder im Aufschwung. Deutschland ist mit der Stilllegung von Atomkraftwerken und dem vorzeitigen Atomausstieg alleine, wie bereits 2013 von dem Verband der Kraftwerksbetreiber und -hersteller in Deutschland festgestellt wurde. Damals lautete das Fazit:
„Während Deutschland als einziges Land der Welt Anlagen stillgelegt und einen kurzfristigen Ausstieg beschlossen hat, werden alle anderen 30 Kernenergie betreibenden Länder der Welt ihre Anlagen bis zum technischen Lebensende von mindestens 40, in den meisten Fällen 60 Jahren weiter betreiben.“ Eine Mehrheit dieser Länder werde „darüber hinaus ihre Anlagen durch Neubauten ersetzen. Mindestens sieben weitere Länder haben beschlossen, in die Kernenergie einzusteigen.“ (siehe auch: www.welt.de/wirtschaft/…/Deutschland-verpasst-den-neuen-Atomkraft-Boom)
Es ist durchaus möglich, dass neue Sicherheitstechniken und technologischer Fortschritt die Medien wieder auf ihre Seite ziehen und diese das unwissende Volk erneut mit der Atomkraft verführen.

Fazit: Eine kleine Schlacht im Krieg gegen die Atomkraft ist gewonnen, doch ruhen wir uns darauf aus, finden wir uns vielleicht schon in wenigen Jahren hoffnungslos umstellt wieder…